Sehnsuchtsort

Sehn|suchts|ort, der: Ein realer, abstrakter oder imaginierter Ort, auf den sich Sehnsüchte oder Wünsche richten – insbesondere der Wunsch, dort zu sein.

Was ist ein Sehnsuchtsort?

Ein Sehnsuchtsort ist ein realer oder imaginärer Ort, der mit starken Wünschen, Hoffnungen und Projektionen aufgeladen ist. Gemeint ist sowohl ein Ort, den man gern besuchen möchte, als auch ein Raum, der für etwas steht, das im Alltag fehlt: Freiheit, Liebe, Geborgenheit, Ferne, Ursprünglichkeit oder ein besseres Leben.

In diesem Sinn entfaltet sich der Sehnsuchtsort als ein doppelter Raum. Er liegt zugleich in der äußeren Welt und in der inneren Vorstellung. Er kann als geografischer Ort erscheinen, als Raum, Stadt, Insel, Landschaft oder ganz eigene Welt; und er kann sich zugleich als innerer Ort darstellen, getragen von denjenigen, die sich nach ihm sehnen und ihn in ihrer Vorstellung entstehen lassen.

Herkunft des Begriffs

Der Begriff “Sehnsuchtsort” ist eine moderne deutsche Wortbildung, in der zwei Konzepte miteinander verschränkt werden: Die “Sehnsucht”, verstanden als ein starkes, oft schmerzliches Verlangen nach etwas Unerreichbarem oder Entferntem, und der “Ort”, der diesem Verlangen eine räumliche Gestalt gibt und es fassbar werden lässt.

Das zugrundeliegende Wort “Sehnsucht” trägt eine deutlich ältere Sprachgeschichte in sich und wird im Deutschen auf den mittelhochdeutschen Begriff “sensuht” zurückgeführt. Ursprünglich bezeichnete es eine schmerzhafte, quälende Form des Verlangens, ein Begehren, das mit “Sucht” im Sinne von Drang und Leid verbunden ist. Der Sehnsuchtsort erscheint in dieser sprachlichen Entwicklung als spätere Verdichtung, als Bildform, in der dieses alte, schmerzhaft vibrierende Verlangen an einen Ort gebunden wird.

Als feste kultur- und geisteswissenschaftliche Kategorie ist der Begriff “Sehnsuchtsort” vergleichsweise jung. Das Motiv des fernen, ersehnten Ortes lässt sich jedoch bereits in der Antike in Literatur und Kunst nachzeichnen: In mythologischen Erzählungen, in biblischen Paradiesvorstellungen und in der Bildwelt der Arkadien- und Romantiktraditionen entsteht immer wieder der Entwurf eines idealen Ortes, der als Gegenbild zur Gegenwart gedacht wird und als Raum erscheint, der als Zuflucht vor den Zumutungen der Moderne gelesen werden kann.

Sehnsucht und Nostalgie

Sehnsucht hängt eng mit Nostalgie zusammen, doch während die Sehnsucht sich meist auf etwas richtet, das fehlt oder unerreichbar scheint, beschreibt die Nostalgie eine wehmütige, emotional aufgeladene Rückwendung zur Vergangenheit und wird damit selbst zu einer besonderen Form von Sehnsucht nach dem Früheren, nach vergangenen Orten, Beziehungen, Lebensphasen oder Stimmungen, getragen von Erinnerung, Sentimentalität und Rückblick. Demgegenüber bleibt Sehnsucht offen und kann sich auch auf Zukünftiges, Fernes oder Utopisches beziehen.

Sehnsuchtsorte der Kultur- und Literaturgeschichte

Sehnsuchtsorte begegnen uns in Literatur, Kultur und Popkultur in sehr unterschiedlichen Gestalten: Als Inseln, Gärten, Städte, Landschaften oder ganze Welten; als Ideen, Gedankenräume und Fantasien; als räumliche Bilder ebenso wie als imaginierte Topografien des Begehrens.

Beispiele reichen vom Garten Eden (Abb. 1) über das Avalon der Artuslegende (Abb. 2) bis zu Astrid Lindgrens Bullerbü. Durch seine Erwähnung des fiktiven Atlantis im 4. Jahrhundert v.u.Z. erschafft Platon einen bis heute faszinierenden Sehnsuchtsort; im 19. Jahrhundert hebt die bretonische Sagenwelt in der Bucht von Douarnenez in der Bretagne das legendäre Land von Ys – und lässt es dort auch wieder untergehen; Samuel Taylor Coleridge verklärt 1816 das chinesische Shangdu, die Sommerhauptstadt von Kublai Khan, als Xanadu zu einem mythologischen Traumpalast; und Thomas Morus schafft mit seiner Utopia 1516 einen fernen Ort, der ausdrücklich als gedachte Gegenwelt gemeint ist. 

Homers Odysseus sehnt sich seit dem 8. Jahrhundert v.u.Z. zurück nach Ithaka als klassischem Ort der Heimkehr. Für Vergils Aeneas ist Italien seit unmittelbar vor unserer Zeitrechnung das ferne Ziel der Verheißung. Und auch Goethe wünscht sich nach Italien – und reist hin! (Abb. 3) –, während seine Iphigenie auf Tauris (Abb. 4) wiederum auf Ewig das Land der Griechen mit der Seele sucht – als Ort eines kulturellen und geistigen Ideals.

Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert träumen Generationen junger europäischer Adeliger und wohlhabender US-Amerikaner von Europa als Route ihrer Grand Tour. Im 19. Jahrhundert wird dann der amerikanische Westen und Kalifornien während des Gold Rush zum Sehnsuchtsort unzähliger Amerikaner:innen und Einwander:innen, die auf Reichtum, Neuanfang und Selbstbestimmung hoffen.

In den 1950er Jahren folgen ihnen die Beatniks in ihrem Streben nach geistigem und künstlerischem Ausbruch fernab von Konformität, Materialismus und den konservativen Moralvorstellungen der frühen Nachkriegszeit. San Francisco wird einer ihrer zentralen Sehnsuchtsorte. Hier finden sich Schriftsteller:innen und Intellektuelle um Jack Kerouac (1922–1969), Allen Ginsberg (1926–1997) und William S. Burroughs (1914–1997) zu künstlerischen Gemeinschaften, geistiger Freiheit und einer lebendigen Gegenkultur zusammen. 

Einige von ihnen wenden sich von der Mitte der 1950er bis Ende der 1970er Jahre dem “Hippie Trail” zu, der sie durch west- und südasiatische Länder wie Indien, Nepal, Sri Lanka und Thailand führt – zu Orten, die spirituelle Vertiefung, einfache Lebensformen und östliche Philosophien versprechen. An all diesen Orten entstehen Räume, in denen sich gesellschaftliche Normen verschieben und neue Formen des Denkens, Lebens und künstlerischen Ausdrucks sichtbar werden

Sehnsuchtsorte für Künstler:innen und Intellektuelle

Auch für die bildenden Künstler:innen finden sich viele Orte der Sehnsucht: Seelenlandschaften, Ideallandschaften und Rückzugsorte, Orte der Kraft und Orte der Inspiration.

Im marokkanischen Tanger treffen wir 1912/1913 auf den französischen Maler Henri Matisse (1869–1954), vierzig Jahre später – wiederum – auf die US-amerikanischen Schriftsteller Jack Kerouac (1922–1969), Allen Ginsberg (1926–1997) und Truman Capote (1924–1984); in Tibet auf die französische Schriftstellerin und Forscherin Alexandra David-Néel (1868–1969); in Indien – und immer wieder auf Capri – auf die Düsseldorfer Jugendstilkünstlerin Ilna Ewers-Wunderwald (1875–1957).

Auf dem Schweizer Monte Verità finden sich ab 1900 Künstler:innen, Intellektuelle und Anarchist:innen für einen alternativen Lebensstil zusammen und im kalifornischen Topanga Canyon ab den 1930er die “Nature Boys”, deren Philosophie von Freiheit, Gesundheit, Einfachheit und gegenkultureller Selbstfindung sowohl die Hippies der 1960er Jahre beeinflusst als auch unsere modernen Umweltbewegungen.

Sehnsuchtsorte der Kunstgeschichte

In der Kunstgeschichte lassen sich unzählige Beispiele und Variation von Sehnsuchtsorten nachzeichnen – als realistische Schauplätze ebenso wie als inszenierte Landschaften. Gemeinsam ist ihnen die symbolische Aufladung, in der reale wie fiktive Orte für ein inneres Begehren nach einem anderen Dasein stehen. Diese Aufladung tritt hervor in der Sehnsucht nach pastoralen Idyllen und pittoresken Heimatvorstellungen sowie nach fernen und exotischen Ländern, die Wanderlust und den Entdeckergeist wecken. So erscheinen Sehnsuchtsorte in geheimen Begegnungsstätten, in umschlossenen Gärten, am Meer, als ferne Inseln oder Jenseitsvorstellungen. Sie verbinden äußere Orte und innere Zustände, in denen Landschaft zur Projektionsfläche von Hoffnung, Fernweh oder dem Wunsch nach Transzendenz wird.

Diese Sehnsuchtsorte können sich darstellen als locus amoenus, also als ein lieblicher Ort: Als heiliger Hain zur Begegnung mit dem Spirituellen wie bei Arnold Böcklin (1827–1901) (Abb. 5), als Terrasse zum Treffen für Liebende wie bei Lawrence Alma-Tadema (1836–1912) (Abb. 6) oder als ein idyllischer Garten des Rückzugs von Krankheit, Tod und Leid wie bei John William Waterhouse (1849–1917) (Abb. 7). Sie alle können als Sehnsuchtsorte gelesen werden, ebenso wie Szenen am Strand von Caspar David Friedrich (1774–1840) (Abb. 8), die atemberaubenden Vistas aus dem amerikanischen Westen von Thomas Moran (1837–1926) (Abb. 9) oder die sehnsuchtsvollen Blicke von Nicholas Roerich (1874–1947) (Abb. 10) auf das Hochplateau auf dem Dach der Welt.

Und an dem Ufer steh ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend.


(Eröffnungsmonolog aus Johann Wolfgang von Goethes “Iphigenie auf Tauris”, 1787)

Insbesondere Goethes Iphigenie (Abb. 4) wird in den Kompositionen am Meer von Anselm Feuerbach zu einer Figur, die sich nach neuen Ufern und fernen Heimaten sehnt – und so selbst zu einem Inbegriff der Suche nach Sehnsuchtsorten wird.

Et in Arcadia Ego

Doch bereits lange vor dem Begriff des “Sehnsuchtsortes”, tritt mit der Vorstellung von “Arkadien” ein Konzept in Literatur und Kunst auf, das als Vorläufer verstanden werden kann. Beginnend in der antiken Dichtung – und besonders durch Vergils Bucolica um 42 v.u.Z. – wird der Begriff zum Symbol eines Sehnsuchtsorts und zu einem eigenen Mythos. Arkadien beginnt als reale Berglandschaft auf dem Peloponnes, doch verwandelt sich im Lauf der Jahrhunderte zu einem eigenen Mythos: Aus Bergen und Tälern wird eine Idee, aus einer Region ein Traum, aus einem geografischen Ort einer der wirkungsmächtigsten Sehnsuchtsorte der westlichen Kulturgeschichte.

In der antiken Wandmalerei wie beispielsweise in der Villa di Livia im römischen Primaporta (um 20 v.u.Z.) (Abb. 11) wird dieser idealisierte Naturraum mit üppiger Vegetation, Vögeln und Bäumen in scheinbarer Unmittelbarkeit dargestellt, nahezu wie ein Trompe-l’œil, das das Auge täuscht und die Sehnsucht weckt. Hier erscheint die Natur harmonisch, geordnet und zeitlos, geprägt von Einfachheit, Frieden und Geborgenheit. So wird das Kunstwerk zum malerischen Gegenentwurf zu der von Unruhe und Zwängen geprägten politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit.

In der Renaissance wird Arkadien bei Künstlern wie Nicolas Poussin (1594–1665) (Abb. 12) und Claude Lorrain (1600–1682) zu pastoralen Bildern klassizistischer Landschaften und zu einem traumhaften Sehnsuchtsort. Hirten in idyllischer Landschaft. Leben im Einklang mit der Natur. Ruhe, Schönheit und Frieden sind die bestimmenden Charaktereigenschaften dieser Welten.

Möglicherweise befeuert diese Idee von Arkadien sogar die Rückübertragung in die reale Welt: In den 1520er Jahren erkundet der florentinische Seefahrer Giovanni da Verrazano im Auftrag der französischen Krone die nordamerikanischen Ostküste. In einem Brief an den König berichtete er vom nordöstlichen Teil und verwendet dafür den Begriff “Archadia”. Dieses ehemalige französische Kolonialgebiet wird später als Acadie (frz.), Acadia (engl.) bzw. als Akadien bekannt. Heute umfasst die Region ungefähr die kanadischen Maritime Provinces Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island und die südliche Gaspé-Halbinsel.

Während die Namensherkunft ungeklärt ist und Acadie auch auf ein Mi’kmaq-Wort der indigenen Bevölkerung zurückzuführen sein könnte, ist Verrazanos “Archadia” ebenfalls plausibel, sind doch viele frühe Reiseberichte aus der Neuen Welt geprägt von überschwänglichen Beschreibungen des nordamerikanischen Kontinent.

Warum wir Sehnsuchtsorte brauchen

Jenseits von Wünschen, Hoffen und Begehren ist der Begriff Sehnsuchtsort wichtig, denn er hilft, Bilder, Texte und kulturelle Vorstellungen zu lesen, die mehr zeigen als einen konkreten Ort. Sehnsuchtsorte machen sichtbar, wie stark Räume emotional, sozial und historisch aufgeladen sein können – und wie sie immer auch einiges über ihre Betrachter:innen erzählen, über deren Wünsche, Begehren und Ideale.

So werden Sehnsuchtsorte zu Projektionsflächen für kollektive Wünsche und individuelle Fantasien. Gerade deshalb können sie zugleich verlockend und ambivalent sein: Sie versprechen Erfüllung, bleiben jedoch oft unerreichbar oder nur in der Imagination wirklich zugänglich.

Sehnsuchtsorte begeistern durch ihre Atmosphäre, ihre Geheimnisse und ihre Schönheit; ihre reiche Geschichte und Kultur lassen uns staunen und ihre Unerreichbarkeit ist Teil ihrer Faszination.

Auf diese Weise erfüllen Sehnsuchtsorte auch eine wichtige psychologische Funktion: Als mentale Rückzugsräume in einer belastenden, schnelllebigen Welt helfen sie, Lebenssinn, Orientierung und Hoffnung zu bewahren. Sie unterstützen emotionale Regulierung, indem sie positive Gefühle, Träume und Selbstbilder aktivieren, stärken das Wohlbefinden und dienen als Ressource in schwierigen Lebensphasen. Psychologische Studien zeigen, dass die Vorstellung von Sehnsuchtsorten Stress reduzieren, Motivation steigern und Resilienz fördern kann.

Damit sind Sehnsuchtsorte kulturelle Phänomene und tragen zugleich zur psychischen Gesundheit und zum Wohlergehen bei – sowohl individuell als auch kollektiv.

Links zum Thema

Bettina Querfurth, Sehnsuchtsorte. Wohin Schriftsteller uns entführen, 2007, Zürich: Dörlemann, https://doerlemann.ch/produkt/sehnsuchtsorte-ebook/.

Daniel Schieferdecker, “Warum wir alle Sehnsuchtsorte brauchen und es wichtig ist, weg zu wollen”, in: Esquire, 22.09.2024,
https://www.esquire.de/life/fitness-gesundheit/sehnsuchtsorte-warum-wir-sie-fuer-ein-glueckliches-leben-brauchen.

Juliane Brauer, Nostalgie und Heimweh: Zum politischen Gehalt von Heimatgefühlen, 20.09.2021, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History,
https://zeithistorische-forschungen.de/1-2021/5928.

Tim Wulf, Constantine Sedikides, Tim Wildschut, Nostalgie: Sehnsucht nach gestern, 30.07.2019, in: Spektrum,
https://www.spektrum.de/magazin/nostalgie-sehnsucht-nach-gestern/1658096 (zuletzt besucht: 31.05.2026).

Über die Autorin

Nathalie Krall, M.A.

Nathalie ist freiberufliche Kunsthistorikerin. Bei THE ARTIST LIAISON begleitet sie soloselbständig zeitgenössische Künstler:innen auf ihrem Abenteuer in der Kunstwelt. Als Mitgründerin, Geschäftsführerin und Chief Creative Officer von collectAR sorgt sie für eine zeitgemäße und zukunftsweisende Bewahrung unseres kulturellen Erbes und fördert mit Hilfe von Augmented Reality und einem emotional-wissenschaftlichen Storytelling ein ganz neues Erleben von Kunstwerken im digitalen Raum. Nathalie ist Initiatorin und Vorstandsvorsitzende des ArtVenture Clubs e.V. sowie Liaison für die Bereiche Netzwerke, Partnerschaften, Öffentlichkeit und Die Kunstwelt der Zukunft.

Zitiervorgabe

Krall, Nathalie. “Sehnsuchtsort.” ArtVenture Club, 04.07.2026.
https://www.artventureclub.info/de/kunstweltglossar/s/sehnsuchtsort/.

Verwendungshinweis:
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zuletzt bearbeitet am:
06.09.2026

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